2019

10 Jahre reiheM – seit 2009 verbindet die Kölner Konzertserie innovative Klangexperimente und aktuelle musikalische Strömungen mit wegweisenden Werken und Persönlichkeiten der Musikavantgarde des 20./21. Jahrhunderts. Bei bislang über 110 Veranstaltungen an wechselnden Orten präsentierte und präsentiert die reiheM eine Vielzahl künstlerischer Positionen, die ansonsten nur äußerst selten oder gar nicht in Köln und der Region zu hören sind. Außergewöhnliche Facetten gegenwärtiger Musikpraxis treffen dabei auf genreübergreifende musikalische Performances, Elektronik und Computermusik begegnen Arbeiten aus dem Feld der Klangkunst. Intensive Hörerlebnisse rund um einen erweiterten Musikbegriff stehen im Fokus des vom Land NRW und der Stadt Köln geförderten Programms. Die Auseinandersetzung mit ungewöhnlichen oder einzigartigen Instrumenten, exemplarische Werkpräsentationen, Porträtkonzerte, experimentelle Formate, Workshops zur künstlerischen Sound-Praxis und Filmveranstaltungen zählen ebenso zu den inhaltlichen Schwerpunkten. Vor dem Hintergrund eines rasant sich vollziehenden gesellschaftlichen und technologischen Wandels schafft die reiheM Angebote für ein neugieriges, offenes Zuhören entlang musikalischer Entwicklungslinien jenseits des Mainstream

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22. November 2019 / 
Loft
+++ Seiji Morimoto / Sebastian Thewes
Seiji Morimoto: Short Summer (Summer / Aluminiumfolie / Plastikschale / Blechdose / Holzkasten / Batterie)
Als „Resonanzuntersuchung“ zwischen Summer und Schwingungsobjekten bezeichnet Seiji Morimoto sein Stück „Short Summer“. Seine Arbeiten sind gekennzeichnet durch das Erkunden von Grenzbereichen gewöhnlicher Objekte, ihren Instabilitäten, von unsicheren oder zufälligen Phänomen, insbesondere im Kontext technischer Medien.
Sebastian Thewes: S* = :):):):):):):(:(:(:(:(:(
 The General Problem of Stability of Motion
Ausgehend von Forschungen des Mathematikers Aleksandr Mikhailovich Lyapunov entwickelt Sebastian Thewes algorithmische Verfahren und Schriftsysteme, die er nachfolgend als Partituren für klangliche Interpretationen verwendet. Als Klangmaterial kommen dabei (u.a.) Tonaufnahmen aus Japan und Südkorea zum Einsatz.

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6/7. Dezember 2019 – Kölnischer Kunstverein
+++ Michaela Melian – „Music from a frontier town“
mit Michaela Melián, Musikerin bei der Band F.S.K. und bildende Künstlerin.
Meliáns „Music from a frontier town“ macht die vergessene Musik der Re-Education-Ära wieder hörbar.
1948 wurde das Amerikahaus München gegründet, um die deutsche Nachkriegsbevölkerung mit Kultur zu demokratisieren, u.a. mit Schallplatten.
1997 stellte die amerikanische Regierung nach mehr als 50 Jahren ihre Arbeit im Amerikahaus ein und verschiffte den größten Teil ihres Inventars zurück in die USA. Zurück blieben im Keller 1630 in Kartons verpackte Langspielplatten aus der ehemaligen Leihbibliothek. Als Michaela Melián diese vergessene Sammlung durchsah, stieß sie als erstes auf eine Schallplatte mit Don Gillis’ 1940er Tondichtung Portrait of a Frontier Town, deren 2. Satz Where the West Begins lautet. Don Gillis, Komponist und Radioproduzent, verwendete für seine explizit amerikanische Programmmusik die Stile und Genres der 40er Jahre.
Michaela Melián hat aus dieser vielfältigen Tonträgersammlung der Re-Education-Ära eine Klangcollage erstellt und wird im Kölnischen Kunstverein Kunstverein eine performative Musikinstallation einrichten. Die Besucher*innen können dabei als DJ das Schallplattenarchiv nutzen und mit diesem zur kulturellen Erziehungsmaßnahme bestimmten Klangmaterial ein zeitgenössisches Klangbild erzeugen.

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13. Dezember 2019 – Kölnischer Kunstverein
+++ Reunion after Cage — Für modifiziertes Schachbrett und Live-Elektronik, ein Projekt von Peter Behrendsen und hans w. koch
Schachspiel: Endre Tot,  N.N. — Musik: Peter Behrendsen, Tobias Grewenig, hans w. koch und Dirk Specht
„Reunion ist eine Komposition von John Cage für präpariertes Schachbrett und Live-Elektronik-Musiker. Sie wurde erstmals 1968 in Toronto aufgeführt mit Marcel Duchamp, John Cage und Teeny Duchamp als Schachspieler sowie mit den Musikern David Behrman, Gordon Mumma, David Tudor (die damaligen Musiker der „Merce Cunningham Dance Company“) und Lowell Cross. Die Aufführung dauerte damals ca. 4 Stunden. Da Cage ein eher mäßiger Schachspieler war, verlor er fast immer gegen den „professionellen“ Duchamp. Lowell Cross konstruierte auch das Schachbrett. Dieses hatte 16 Signal-Eingänge und 8 Ausgänge, die zu einer 8-kanaligen PA-Anlage geleitet wurden. In jedes der 64 Schachfelder waren Photowiderstände eingebaut; abhängig von der Position der Schachfiguren wurden je nach Lichteinfall und -stärke die einzelnen Musiksignale verstärkt bzw. abgeschwächt und auf die PA geleitet. Auf diese Weise konnten Lautstärke und Verteilung der Klänge im Raum nicht von etwaigen musikalischen und geschmacklichen Vorlieben der Musiker bestimmt werden. Cage spricht von “purposeful purposelessness or a purposeless play”. Das bei dieser Aufführung verwendete Schachbrett folgt dem Original hinsichtlich der Zuweisungen der Felder bzw. der Ein- und Ausgänge (16×8 Matrix), wurde aber mit heutiger Technologie (Computerprogrammierung und MIDI) ausgestattet; es wurde von Tobias Grewenig gebaut. Wie beim Original werden auch hier zusätzlich Kontaktmikrophone benutzt, die die physischen Geräusche der Schachzüge verstärken.“ (Peter Behrendsen, September 2018)