{"id":917,"date":"2011-04-15T14:03:03","date_gmt":"2011-04-15T13:03:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.reihe-m.de\/con\/?p=917"},"modified":"2024-12-07T13:53:54","modified_gmt":"2024-12-07T12:53:54","slug":"mantra-nachspiele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.reihe-m.de\/?p=917","title":{"rendered":"MANTRA NACHSPIELE"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><strong>15. April 2011<\/strong> \/ Freitag \/ 20 h<br \/>\nAlte Feuerwache \/ K\u00f6ln<\/p>\n<p>Jennifer Hymer<br \/>\nBernhard Fograscher<br \/>\n<em>Klavierduo <\/em><\/p><\/blockquote>\n<p><em><!--more--><\/em><\/p>\n<p>Karlheinz Stockhausens \u201eMantra\u201c f\u00fcr 2 Pianisten von 1970 gilt als Meilenstein in der klanglichen Entwicklung des Genres. Trotz seiner epochalen Bedeutung folgten nur wenige Komponisten diesem Weg. Mit ihrer Hommage &#8222;Mantra NachSpiele&#8220; setzte sich das Klavierduo Jennifer Hymer und Bernhard Fograscher das Ziel, dieses Genre weiter zu etablieren und vergab Kompositionsauftr\u00e4ge an Oxana Omelchuk (UA), Hans Tutschku, Sascha Lino Lemke und Harald Muenz. Erg\u00e4nzt wird der Abend durch Michael Beils &#8218;Doppel f\u00fcr zwei Klaviere mit Live-Audio und Live-Video&#8216;.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\">Programm:<\/span><br \/>\n<strong>Sascha Lino Lemke<\/strong><br \/>\nSketches for a Postcard to Sirius (2010)<br \/>\nf\u00fcr 2 Klaviere und Elektronik<\/p>\n<p><strong>Harald Muenz<\/strong><br \/>\nunashamed piano playing (2010)<br \/>\nf\u00fcr 2 Pianisten ohne Elektronik<\/p>\n<p><strong>Michael Beil<\/strong><br \/>\nDoppel f\u00fcr zwei Fl\u00fcgel<br \/>\nmit Live-Audio und Live-Video<\/p>\n<p><strong>Oxana Omelchuk<\/strong><br \/>\nPLAY BACK (2011)\u00a0 (UA)<br \/>\nf\u00fcr 2 Klaviere, 2 Keyboards und Zuspiel\/Sampler<\/p>\n<p><strong>Hans Tutscku<\/strong><br \/>\nIrrg\u00e4rten (2010)<br \/>\nf\u00fcr 2 Klaviere und live-Elektronik<\/p>\n<p>&#8212;-<\/p>\n<p><strong>Sascha Lino Lemke: Sketches for a Postcard to Sirius<\/strong><br \/>\n&#8222;Sketches for a Postcard to Sirius&#8220; besteht aus drei ineinander \u00fcbergehenden Studien. Die erste ist eine Etude \u00fcber verschiedene Aspekte mikrotonaler Harmonik, entstehend aus dem Spiel der Pianisten auf den &#8222;normal&#8220; gestimmten wohltemperierten Fl\u00fcgeln und dessen elektronischer Verarbeitung. Verschiedene Formen reiner, gestauchter und gestreckter Spektren, komplexe Glissandi, die sich schwebungsfreien Akkorden n\u00e4hern und diese wieder verlassen und dabei deren Gravitationskraft sp\u00fcrbar machen; Schwebungen und Schmutz &#8211; dies wird in dem\u00a0ersten Abschnitt erforscht. Die zweite Etude besch\u00e4ftigt sich einerseits rhythmisch mit den Spiel zwischen Synchronizit\u00e4t und Asynchronizit\u00e4t: einfache pulsierende Situationen, bei denen die beiden Spieler &#8222;zusammen&#8220; spielen, laufen auseinander, es bildet sich allm\u00e4hlich wieder eine neue rhythmisch stabile Situation heraus und so fort. Zum anderen werden verschiedene Ebenen von Filterung\u00a0ausgelotet: Cluster werden durch stumm gedr\u00fcckte Tasten oder die Pedale der Klaviere gefiltert; die Elektronik greift diese Resonanzkl\u00e4nge auf und baut daraus eine weitere, bisweilen eigenst\u00e4ndig erscheinende Schicht aus einfachen und transformierten Echos auf. Eine Art Sirius-Filter-Schaukel &#8211; sicherlich mit Lachenmann auf der anderen Seite&#8230; Die letzte Etude, die mit &#8222;Punkte f\u00fcr Nancarrow&#8220; \u00fcbertitelt sein k\u00f6nnte, ist eine Art mikrotonaler Hoquetus-Boogie-Woogie, dessen Linien und Gesten erst beim Zusammenkommen von Liveparts und deren anhand einer genauen elektronischen Partitur live erzeugten Transformationen h\u00f6rbar werden.<\/p>\n<p><strong>Michael Beil: Doppel <\/strong><br \/>\nDie Stadien der Entstehung von \u201eDoppel\u201c k\u00f6nnen beim H\u00f6ren und Sehen mit verfolgt werden. Das Nachdenken \u00fcber das Klavierspielen, \u00fcber die spezielle Situation und Aktion auf der B\u00fchne findet in \u201eDoppel\u201c keine endg\u00fcltige Gestalt. \u201eDoppel\u201c ist deshalb weniger ein in sich abgeschlossenes Werk, sondern mehr eine Dokumentation seiner Entstehung. Zu Beginn werden Materialentscheidungen getroffen und den Pianisten je zwei Materialtypen zugeteilt. Im weiteren Verlauf interpretieren die Pianisten nicht nur die notierte Musik, die sich aus dieser Anfangssituation allm\u00e4hlich entwickelt, sie schl\u00fcpfen auch in eine Rolle. Sie haben einen Stoff, jeder f\u00fcr sich, und sie haben eine Aufgabe, die \u00fcber das Klavierspielen hinaus geht. Daraus resultiert der vorrangige visuelle Aspekt in \u201eDoppel\u201c. Es ist nicht das Video, es sind die Pianisten, die sichtbar gerade so weit aus dem gewohnten Agieren heraus gehen, wie es n\u00f6tig ist, um an ihre Pr\u00e4senz zu erinnern und an das, was sie eigentlich tun. Die Videoebenen in \u201eDoppel\u201c sind dagegen nichts anderes als konkrete Erinnerungen, wie sie beim Komponieren und beim H\u00f6ren vorkommen. Sie erinnern allerdings nicht nur an das Vergangene und seine Auswirkungen. Sie machen deutlich, dass in der Gleichzeitigkeit mehrerer musikalischer Ereignisse auf der einen Seite beim Komponieren und auf der anderen Seite beim H\u00f6ren stets ein ganzes Netzwerk von Assoziationen am Wirken ist. Interessant dabei ist f\u00fcr mich die Erfahrung, dass ein momentaner Eindruck in der Musik, vom Komponisten konstruiert, beim H\u00f6ren wieder in seine Bestandteile dekonstruiert wird. Dabei kann das Resultat beim H\u00f6rer v\u00f6llig anders aussehen als die Ausgangslage beim Komponisten und auch sehr verschieden bei jedem H\u00f6rer. Au\u00dferdem kann nat\u00fcrlich auf beiden Seiten mehr oder weniger intuitiv oder intellektuell vorgegangen werden und die dadurch entstehende Schieflage w\u00fcrde man in der Sprache durchaus als Missverst\u00e4ndnis bezeichnen. Ber\u00fccksichtigt man die Tatsache, dass manche schon in der Sprache eine gelungene Kommunikation als Utopie betrachten, m\u00fcsste man in der Musik dann beinahe von einer Unm\u00f6glichkeit sprechen. In der komponierten Musik ist eine solche \u201eSchieflage\u201c der zu erwartende Normalfall, vorausgesetzt man arbeitet nicht mit den einfachsten Mitteln, und als Komponist muss man mit ihr umgehen. In diesem Kontext ist die hier gestellte Frage: was passiert, wenn die erste H\u00e4lfte dieses Prozesses, die Herstellung eines musikalischen Moments, schon dekonstruiert wahrgenommen werden kann?\u00a0 Michael Beil, Oktober 2009<\/p>\n<p><strong>Oxana Omelchuk: PLAY BACK <\/strong><br \/>\nMit Playback bezeichnet man eine Methode, bei der alles oder Teile des Vortrages von einem Tontr\u00e4ger abgespielt werden. Der Sampler, den ich in meinen letzten St\u00fccken als Komponierwerkzeug bevorzuge, dient nicht nur der Wiedergabe von vordefiniertem Material (in diesem St\u00fcck handelt es sich um die Takte 692-705 aus dem letzten Abschnitt von \u201eMantra\u201c von K. Stockhausen, die den verschiedenen Transformationen unterworfen wurden), sondern er hat eine interaktive Funktion: er ist der Teil einer Auff\u00fchrung, in die er mit seinen gespeicherten Kl\u00e4ngen aktiv eingreift: beweglicher als das Tonband, realit\u00e4ts-bezogener als die vorwiegend selbstreferentielle Live-Elektronik. Erst durch die Kombination mit live gespielten Passagen werden neue inhaltliche Ebenen erreicht, in denen die Musik von Stockhausen fast nicht mehr erkennbar wird. Die \u201eMantra\u201c-Abschnitte verwandeln sich entweder in minimal-Musik, in fast kitschige Film-Musik-Fl\u00e4chen, oder in ein Konzert f\u00fcr 2 Klaviere und MIDI-Orchester. Das endlose Wiederholen des gleichen \u201ePlayback\u201c &#8211; Materials, die mechanischen Wechsel in der Instrumentierung, die Reduzierung des \u00e4sthetischen Verfahrens auf on\/off- Befehle n\u00e4hert sich einer Pop-Musik-\u00c4sthetik. Keine \u00dcberg\u00e4nge, keine Ritardandi, keine Entwicklungen. Im Gegenteil: Br\u00fcche, Pl\u00f6tzlichkeit, Heftigkeit. Und transparente Repr\u00e4sentanz des Beats. Die Inspirations-Quelle f\u00fcr die Verwandlungen der Musik Stockhausens waren 13 Mantra-Anagramme, in denen aus den W\u00f6rtern \u201eStockhausen\u201c und \u201eMantra\u201c durch die Permutationen der einzelnen Buchstaben neue W\u00f6rter und damit neue Inhalte gebildet wurden:<\/p>\n<p>I. Stockhausen Mantra<br \/>\nII. Namenstausch Aktor<br \/>\nIII. Aktors Namentausch<br \/>\nIV. Namenstausch Kroat<br \/>\nV. ausmachten Kartons<br \/>\nVI. Rates Nachtuns Amok<br \/>\nVII. unachtsamen Aktors<br \/>\nVIII. Masurkas Notte nach<br \/>\nIX. Matuschka Anrosten<br \/>\nX. unachtsamste Koran<br \/>\nXI. Taktmass Rauch Neon<br \/>\nXII. Matuschka Rotnasen<br \/>\nXIII. Kornetts Namas auch<\/p>\n<p><strong>Hans Tutschku: Irrg\u00e4rten<\/strong><br \/>\nDie Komposition ist wie ein Weg durch verschiedene Irrg\u00e4rten und untersucht, wie wir uns an musikalische Momente erinnern. Beide Klaviere spielen sehr \u00e4hnliches musikalisches Material, bilden energiereiche Dialoge und vereinen sich zuweilen zu einer Stimme. Das St\u00fcck ist in kontrastierende Abschnitte unterteilt. Nach und nach werden Fragmente sp\u00e4terer Teile als &#8222;Vorahnungen&#8220; eingef\u00fchrt. Sp\u00e4ter wird schon bekanntes musikalisches Material in Ausschnitten oder als gesamte Teile wiederholt &#8211; aber die Elektronik ist bei diesen wiederholten Teilen verschieden. Auf dem Weg im Irrgarten versucht man, eine Vorstellung des Weges zu bekommen: einzelne Orte erscheinen \u00e4hnlich, sind aber in Wirklichkeit verschieden &#8211; man ist gefangen.\u00a0 Der live-elektronische Part wird mit zwei iPods realisiert. Die eingebauten Mikrophone werden benutzt, um den live-Part zu verfolgen und die elektronischen Kl\u00e4nge zu den Klavieren zu synchronisieren.<\/p>\n<p><strong>Harald Muenz: unashamed piano playing <\/strong><br \/>\nSponsoren, Festivals und Rundfunkanstalten sind zusehends geneigt, ausschlie\u00dflich noch &#8222;mediale Produktionen&#8220; zu f\u00f6rdern; blo\u00dfes Komponieren auf Notenpapier wird als &#8222;altmodisch&#8220; abgetan. Dieser digital hype ist mit der absurden Behauptung vergleichbar, nun gebe es ja das iPad und man k\u00f6nne gedruckte B\u00fccher ab sofort getrost vernachl\u00e4ssigen. \u00c4u\u00dferlich-materieller Ger\u00e4tefortschritt wird mit \u00e4sthetischem Zugewinn verwechselt, h\u00e4ufig gar unter Berufung auf Adornos Materialbegriff in der &#8222;Philosophie der neuen Musik&#8220;1, der allerdings nun auch schon eine Weile zur\u00fcckliegt: die erste Auflage\u00a0 des Buches erschien 1949&#8230; Gemessen an der Tradition der abendl\u00e4ndischen Musik ist &#8222;Computermusik&#8220; eine relativ junge Entwicklungsstufe. Eine endg\u00fcltige Definition dessen, was sie eigentlich sei, ist noch immer im Entstehen begriffen. <em>(siehe Begriffe wie &#8218;Tendenz des Materials&#8216;, &#8218;Bewegungsgesetze des Materials&#8216;, &#8218;geschichtliche Tendenz der musikalischen Mittel&#8216;, &#8218;fortgeschrittenster Stand der technischen Verfahrungsweise&#8216;, &#8218;Forderungen, die vom Material ans Subjekt ergehen&#8216;, &#8218;Material [als] sedimentierter Geist&#8216;, in: Adorno, Theodor W. 1976. Philosophie der neuen Musik. Frankfurt: suhrkamp, 38-42. Es versteht sich, dass &#8222;Musik, die vom Computer gespielt wird&#8220; nicht gen\u00fcgt, sonst w\u00e4re bereits eine per MIDI abgespielte Bachfuge &#8222;Computermusik&#8220;.\u00a0 Genauer ausgef\u00fchrt in: Muenz, Harald: &#8222;Live random concepts and sight-reading players &#8211; the role of the computer in the era of digested digitalism&#8220;, in: Contemporary Music Review, vol. 29, no. 1, Februar 2010, 81-87.)<\/em> Da mir scheint, dass die produzierte Musikdaten-Unmenge zu starker Standardisierung und &#8211; im Vergleich zu traditioneller Musik &#8211; zu inhaltlicher Reduktion f\u00fchrt, reizt es mich k\u00fcnstlerisch antizyklisch zu reagieren, indem ich wieder scheinbar &#8222;reine Partiturmusik&#8220; komponiere, die aber durch die t\u00e4gliche Erfahrung mit dem Computer tief gepr\u00e4gt ist. Mir fiel auf, dass kommerzielle Notationssoftware ab einem bestimmten Komplexionsgrad einer Partitur &#8222;aussteigt&#8220; und die Datenmenge reduziert. Eigentlich ein Ding der Unm\u00f6glichkeit, und \u00fcblicherweise w\u00fcrde ein Komponist ein solches Programm&#8220;feature&#8220; meiden &#8211; ich beschloss aber, darauf kreativ zu reagieren. Eine Unmenge von T\u00f6nen, die ich &#8222;zu Fu\u00df&#8220; als eine Abfolge unterschiedlich breiter und verschieden timbrierter Cluster vorstrukturiert hatte, sollte dieses Software-Nadel\u00f6hr passieren. Die unfreiwillig computergefilterten Ergebnisse wurden von mir kompositorisch redigiert und wiederum in das Notationsprogramm zur\u00fcckgef\u00fcttert. Heraus kam eine Art Variationsfolge, die das Resultat einer Art \u201eStiller Post\u201c mit mir selber ist &#8211; oder ist genau dies genuine Computermusik? (hm 2010)<\/p>\n<p>&#8212;-<\/p>\n<p><strong>Jennifer Hymer<\/strong>, Pianistin &#8211; Die aus den USA stammende und in Hamburg lebende Pianistin Jennifer Hymer interessiert sich besonders f\u00fcr die eher ungew\u00f6hnlichen und einzigartigen klanglichen M\u00f6glichkeiten des Instruments. So hat sie sich auf ein Repertoire f\u00fcr Piano, Multimedia und erweiterte Techniken spezialisiert und bezieht in ihre Performances auch das Toy Piano und die Kalimba mit ein.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.jenniferhymer.de\" target=\"_blank\">www.jenniferhymer.de<br \/>\n<\/a><br \/>\n<strong>Bernhard Fograscher,<\/strong> Pianist &#8211; Im Rahmen einer vielgestaltigen Konzertt\u00e4tigkeit setzt sich der Bernhard Fograscher nachhaltig f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Musik und entlegenes Repertoire ein, und widmet sich dar\u00fcber hinaus zahlreichen konzeptionellen Projekten.<\/p>\n<p>WDR 3 TonArt<br \/>\nEin Beitrag von Anna Austrup<\/p>\n<p><em>reiheM &#8211; Konzertreihe f\u00fcr Gegenwartsmusik, Elektronik und neue Medien  wird veranstaltet von Mark e.V. und gef\u00f6rdert durch das Kulturamt der  Stadt K\u00f6ln und vom Ministerium f\u00fcr Familie, Kinder, Jugend, Kultur und  Sport des Landes Nordrhein-Westfalen<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15. 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